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Wahrnehmung 1/2

(Ein Text für alle NTs da draußen)

 

Hinweis:

Es ist mir nicht gelungen, diesen Text so kurz zu halten, dass er in diesem Blog am Stück erscheinen könnte. Deshalb habe ich ihn in zwei Teile geteilt. Dies hier ist der erste Teil dieses Textes, der zweite Teil erscheint hier an dieser Stelle in der nächsten Woche.

Hinweis Ende

 

 

Ich bekomme immer wieder zu hören und zu lesen, dass die Menschen mit Asperger-Syndrom (AS) zu wenige Wahrnehmungsfilter hätten. Was damit ausgedrückt werden soll, ist in der Regel dieses:

„Du bist viel zu sensibel! Sieh zu, dass du härter und stumpfer wirst! Je weniger du wahrnimmst, desto besser für dich!“

 

Klar, das habe ich mir ja auch ausgesucht, wie sensibel ich bin. Als ich meine Persönlichkeit bekam, hätte ich sagen müssen, dass ich gerne eine Persönlichkeit hätte, die deutlich weniger sensibel ist. Das ist also mein Fehler und meine Schuld, und es ist an mir, das wieder gut zu machen. Und selbstverständlich werde ich gleich morgen losziehen und meine alte Persönlichkeit eintauschen gegen eine neue. Und das alles nur, um dir zu gefallen. Ist das nicht prima? (Ironie)

 

Und auch das ist wichtig:

Diese Welt wäre eine deutlich bessere, wenn wir nur alle deutlich unsensibler, härter und stumpfer wären. Mann, wäre das eine Freude überall auf der Erde, wenn alle Menschen (wie so viele NTs) nach der Devise leben würden: „Stumpf ist Trumpf!“ (Auch Ironie)

 

Da ich den Eindruck habe, dass viele NTs gar nicht wissen, wovon sie da reden, wenn sie von Sensibilität reden, will ich das mal ein bisschen ausdifferenzieren. Das ist nur meine Sicht der Dinge – jeder darf eine andere haben.

 

a

Sensibel zu sein – im Sinne von „empfindsam wahrnehmen“ - bedeutet nicht, seelisch empfindlich zu sein. Ich jedenfalls bin seelisch ziemlich robust. Das meiste, was die NTs um mich herum seelisch aus der Bahn wirft, perlt an mir ab wie ein Regentropfen an einer Fensterscheibe. Du kannst mir beinahe alles sagen, was du willst – ich bin kaum zu provozieren. Dass ich mich mal mit irgendwem streite kommt alle paar Jubeljahre vor. Wo andere gekränkt, beleidigt oder verletzt sind, sage ich meistens: „Ja und?“

 

Und ob du mich magst oder nicht, oder was du von mir hältst, oder wie ich auf dich wirke – warum um alles in der Welt sollte mich das kümmern? Wenn du von mir eine extrem negative Meinung hast, dann wirst du dafür sicher sehr gute Gründe haben, und ich kann gut damit leben. Und wenn du von mir eine extrem positive Meinung hast, dann ist das fein, es hat aber für mein Leben keine Relevanz.

 

Um es auf den Punkt zu bringen:

Seelisch gesehen bin ich ausgesprochen krisenfest – jedenfalls verglichen mit den allermeisten NTs, die ich erlebe. Bis mich was aus der Bahn wirft oder ich unausgeglichen bin – das dauert etwas.

 

b

Sensibel zu sein – im Sinne von „empfindsam wahrnehmen“ – bedeutet genau das: Empfinsam sein. Wenn ich was wahrnehme, dann empfinde ich was dabei. Und wenn ich mich mit den Menschen um mich herum vergleiche, stelle ich fast immer fest, dass ich deutlich mehr wahrnehme und empfinde als sie.

 

 

Zur Wahrnehmung selber:

Ich kann da nur von mir berichten. Wie und was andere AS wahrnehmen, kann ich häufig nur sehr schemenhaft erkennen. Aber nach allem, was ich sehen kann, ist es gar nicht so selten, dass AS deutlich differenzierter und intensiver wahrnehmen als NTs.

 

Ich bringe jetzt also Beispiele zu meiner Wahrnehmung.

Wenn du NT bist, dann kannst du dir das ja mal anschauen und mit deiner Wahrnehmung vergleichen.

 

 

1

In der Wohnung einer Frau. Im Wohnzimmer. Ich liege auf dem Sofa und lese in einem Buch. Die Frau sitzt hinter mir und guckt in ihren Laptop. Wir beide schweigen. Zwischen uns ist ein Abstand von ungefähr einem Meter. Ich bekomme mit, dass die Frau anders atmet als vorher und sich anders bewegt. Ich kann sofort sagen, dass sie im Streit mit sich selber ist. Ich lese weiter, und die Frau hadert mit sich. Ich schaue sie nicht an, ich spreche nicht mit ihr. Ich nehme das alles mit meinem Rücken wahr. Ich spüre, dass mir keinerlei Gefahr droht, also lese ich in aller Seelenruhe weiter. Wenn die Frau irgendwas sagen will, dann wird sie das schon tun.

 

Wenige Minuten später ist die Frau so sehr im Clinch mit sich, dass sie aufspringt und den Raum verlässt. Ich sehe sie nicht, ich habe ihr den Rücken zugekehrt. Ich spüre ihre Schritte auf dem Parkett. Ich habe den Eindruck, einigermaßen zu wissen, wie es ihr geht.

 

In der ganzen Zeit hat keiner von uns beiden was gesagt.

Ich lese weiter in meinem Buch. Es geht um die Geschichte der Napoleonischen Kriege, und ich bin gerade an einer besonders spannenden Stelle.

 

Ein paar Minuten später höre ich, wie die Frau wieder in den Raum kommt. Wieder bewegt sie sich in meinem Rücken, und ich nehme sie nur mit meinem Rücken wahr. Ich spüre ihre Schritte auf dem Parkett. Ohne mich umzudrehen sage ich in den Raum:

 

„Ah, ich sehe, du hast eine Entscheidung getroffen.“

Die Frau sagt in meinem Rücken:

„Da können wir das Reden ja auch ganz einstellen.“

(Damit meint sie, dass unsere Verständigung keine Worte braucht).

 

 

2

Situation bei der Arbeit. Strategischer Workshop. Ich bin von einigen Führungskräften gebeten worden, eine Besprechung von ihnen zu moderieren. Diese Besprechung geht über zwei volle Tage. Es sind so um die zehn Leute, alles Männer. Zwei oder drei von ihnen kenne ich, mit den anderen habe ich noch nie zusammengearbeitet.

 

Sie wollen sich klar werden darüber, wie sie ihren Bereich für die Zukunft strategisch ausrichten wollen. Ich weiß nur wenig über ihre Arbeit und ihre Arbeitsweise, aber das muss ich auch nicht. Als Moderator ist es meine Aufgabe, die Kommunikation zu erleichtern, zu strukturieren und später auch zu visualisieren.

 

Die Führungskräfte legen also los und erzählen sich was und sind schon bald tief in der Diskussion. Sie kommen schon nach verhältnismäßig kurzer Zeit bei einer wesentlichen Entscheidung so weit, dass einige von ihnen sagen, dass sie hier schon mal ein Zwischenergebnis hätten. Die anderen sind geneigt zuzustimmen.

 

Aber da gibt‘s noch mich, den Moderator. Und wer mich als Moderator für seine Besprechung bucht, der kann sicher sein, dass ich meiner Aufgabe nachkomme. Ich sehe die Führungskräfte, und ich sehe Dinge, die sie nicht sehen. Und so sage ich ihnen:

 

„Ich weiß nicht genau, worum es inhaltlich geht. Aber ich kann an Ihrer Körperspannung sehen, dass das Ergebnis, das Sie erreicht haben, noch nicht tragfähig ist. Wenn Sie sich auf diesen Kompromiss einigen, kann ich Ihnen mit Bestimmtheit vorhersagen, dass Sie damit nicht glücklich werden.“

 

Die Führungskräfte protestieren. Sie haben hart gearbeitet, und sie sind zu einem Zwischenergebnis gekommen, und sie wollen, dass ich als Moderator dieses Zwischenergebnis absichere, abnicke und protokolliere.

 

Mit wacher Bestimmtheit führe ich die Gruppe:

„Nochmal: Ich kann an Ihrer Körperspannung sehen, dass das noch nicht tragfähig ist. Das, was Sie bis jetzt erreicht haben, ist mit Sicherheit ein gutes Ergebnis, keine Frage. Aber wichtige Dinge fehlen noch. Da ich mich inhaltlich nicht mit der Sache auskenne, kann ich Ihnen nicht sagen, worum es geht. Aber mindestens zwei Fragen sind noch offen.“

„Welche Fragen?“

„Das weiß ich nicht. Aber ich kann Ihnen mit Bestimmtheit sagen, dass Sie (ich deute auf eine Führungskraft) und Sie (ich deute auf eine andere) noch starke Bedenken in der einen Sache haben. Und Sie drei hier (ich deute auf drei weitere Führungskräfte) noch Bedenken in einer ganz anderen Hinsicht haben. Ich schlage also vor, dass wir dieses Zwischenergebnis sichern und dann eine Pause machen und dann nach der Pause nochmal schauen, was fehlt, damit dieses Ergebnis ein richtig gutes Ergebnis wird, das alle mittragen können.“

 

Ich bin als Moderator bei uns im Konzern bekannt, beliebt und stark nachgefragt.

 

 

3

Nachts am Rande eines Dorfes. Ich bin mit einer Ornithologin (Vogelkundlerin) im Freien unterwegs. Es ist kurz vor Mitternacht. Es regnet ein wenig. Wir gehen auf einer schmalen Straße spazieren. Wir schweigen. Außer uns ist kein Mensch zu sehen. Außer dem Regen und ein wenig Wind ist nichts zu hören. Hier und da wirft eine Straßenlaterne eine Lichtpfütze auf den Asphalt, ansonsten ist alles sehr dunkel.

Schweigend gehen wir die Straße entlang.

 

Wir gehen auf eine Gruppe hoher Bäume zu.

Als wir ungefähr zehn Meter von den Bäumen entfernt sind, murmele ich leise:

„Da mag uns jemand aber gar nicht!“

Die Ornithologin ist aus ihren Gedanken aufgeschreckt.

„Was?“ will sie wissen.

Ich zeige auf einen der Bäume:

„Da oben mag uns jemand überhaupt nicht. Der ganze Baum ist voller Hass gegen uns.“

„Ja, da sitzen Eulen drin. Die sind ziemlich stinkig, wenn hier nachts einer vorbeikommt. Sie fühlen sich dann gestört und können sogar angreifen.“

 

 

4

Telefonat mit einer ranghohen Führungskraft. Sie sitzt im Auto. Ich sitze daheim an meinem Schreibtisch. Im Hintergrund höre ich die üblichen Fahrgeräusche (Windgeräusche, Reifengeräusche, Blinkergeräusche) und die übliche Stimme einer Domina, die sanft aber bestimmt anordnet:

„Dem Straßenverlauf noch 200 Meter folgen. Dann: rechts einordnen.“

„An der nächsten Straßenkreuzung: Links abbiegen.“

 

Wir besprechen am Telefon ein schwieriges Mitarbeitergespräch, auf das die Führungskraft sich vorbereiten will. Sie muss ein Kritikgespräch mit einem rangniederen Manager führen, den sie zwar sehr schätzt, der sich in der letzten Zeit aber recht unzuverlässig verhalten hat.

 

Das Gespräch läuft schon eine Weile, als sich dieser Dialog ergibt:

Stiller: „Haben Sie denn mindestens fünf Punkte – also ganz konkrete Situationen in der jüngeren Vergangenheit -, an denen Sie im Gespräch festmachen können, worin ganz konkret die negative Verhaltensänderung lag?“

Auto: „Blink, blink, blink, blink, blink …“

Führungskraft (fest und sicher): „Die habe ich.“

Stiller: „Welche ist denn in ihren Augen die gravierendste.“

Domina: „In zweihundert Metern: Rechts abbiegen.“

Führungskraft: „Vorletzten Montag. Da habe ich im jour fixe Alkohol bei ihm gerochen.“

Auto: „Blink, blink, blink, blink, blink, blink …“

Stiller: „Aber das betrifft Sie ja auch selber.“

Führungskraft (überrascht, scharf): „Wie meinen Sie das?“

Domina: „Dem Straßenverlauf 500 Meter folgen.“

Stiller: „Alkohol – das hat irgendwas mit Ihrer privaten Situation zu tun … mit Ihrer Familie oder sogar mit Ihnen selber.“

Hintergrund: „Huuuup!“

Führungskraft (zögernd): „Ja … mein Bruder … aber woher wissen Sie das?“

Auto: „Blink, blink, blink, blink, blink …“

Stiller: „Sie haben ganz anders geatmet, als Sie Alkohol zum Thema machten. Und so wie Sie geatmet haben, konnte das nur in Ihrer nächsten Umgebung oder sogar Sie selber sein.“

 

Fortsetzung folgt.

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Kommentare: 6
  • #1

    NeoSilver (Samstag, 12 Februar 2022 08:40)

    Hallo Stiller,

    dein besschriebener Text verdeutlich die gute Aufmerksamkeit von Autisten, welche, wenn es so gehohnt wird wie du es scheinbar getan hast, eine sehr tolle Fähigkeit ist.

    Leicht ist dies nicht.
    Selbst wenn ich es versuche, kann ich das Maß, was du beschreibst nicht sehr oft erreichen.
    Das liegt, wenn ich es richtig einschätze, aber eher daran, dass ich in solchen Situation zu viel mit meinen eigenen Gefühlen und Reizen beschäftigt bin, so dass mir oft der kognitive Weg zu solchen Analysen versperrt bleibt.
    Selbst wenn ich dazu fähig wäre.

    Eine Frage zum Text habe ich allerdings zusätzlich.
    Wie sehr schätzt du bei den o.g. und anderen Beispielen, deine Empathie ein?
    Kannst du die Situationen nachempfinden und wie gestaltet sich deine sonstige Gefühlswelt dann?

  • #2

    Stiller (Samstag, 19 Februar 2022 14:14)

    Hallo NeoSilver,

    1
    ich weiß nicht, op es ein "typo" ist oder ein Verb, das ich nicht kenne:
    "(...) wenn es so gehohnt wird (...)" bedeutet was?

    2
    Du schreibst:
    "Das liegt, wenn ich es richtig einschätze, aber eher daran, dass ich in solchen Situationen zu viel mit meinen eigenen Gefühlen und Reizen beschäftigt bin (...)"
    Vermutlich weiß ich, wovon du hier schreibst.
    Wenn ich "da" bin, also mit meinen Gefühlen, Gedanken und Handlungen in der realen Situation bin (und nicht irgendwo anders), dann kann ich so wahrnehmen. Sonst eher nicht.

    3
    Du fragst:
    "Wie schätzt du bei den o.g. und anderen Beispielen, deine Empathie ein?
    Kannst du die Situationen nachempfinden und wie gestaltet sich deine sonstige Gefühlswelt dann?"
    Ich bin nicht sicher, ob ich deine Frage richtig verstehe. Vielleicht fragst du dieses:
    Kann ich fühlen, was dann die anderen in solchen Situationen fühlen?
    (Denn ganz sicher kann ich keine Situationen nachempfinden, da Situationen qua Definition keine Empfindungen haben).

    Also:
    Kann ich fühlen, was andere in solchen Situationen fühlen?
    Ja, das kann ich sehr sicher und sehr präzise. Sonst wäre ich nicht in der Lage so sicher und so präzise auf das einzugehen, was gerade ist. Ich weiß, wie du atmest, wenn dir eine Thematik sehr nahe geht, du das aber weder wahrhaben noch zugeben willst. Und ich weiß, wie du gehst, wenn du im Krieg mit dir selber bist und wie du gehst, wenn du dich zu einer Entscheidung durchgerungen hast - und so weiter. Uch ich weiß, wie du dich dann fühlst.

  • #3

    NeoSilver (Sonntag, 20 Februar 2022 09:58)

    Ja es war ein Schreibfehler.
    Ich meinte gehont.
    Allerdings habe ich bei der Recherche nicht die richtige Beschreibung gefunden, welche ich in Gedanken hatte.

    Honen wird wohl in der Metallverarbeitung für eine Verfeinerung benutzt.
    Ich meinte meinen Satz im dem Sinne, dass du deine Fähigkeiten in diesem Bereich so verfeinert hast.
    So ganz richtig ist meine Benutzung des Wortes wohl aber nicht gewesen.


    [...]Uch ich weiß, wie du dich dann fühlst. [...]
    Und du weißt das alles, weil du so viel Erfahrung gesammelt hast und Menschen dein Spezialinteresse sind?
    Oder spielt die Synästhesie, das "unerklärliche", auch eine entscheidende Rolle dafür?

    Vielen Dank für deine Erläuterungen.
    Ich denke, wenn jeder Mensch etwas mehr Energie in diese Form der Aufmerksamkeit und des Verstehens der aufgenommenen Informationen investieren würde, könnten sich einige Situationen besser handhaben lassen und es könnte zu einem angenehmeren Miteinander zwischen allen führen.

    Aber das wirkt geschrieben wieder so viel leichter, als es in der Wirklichkeit ist.

  • #4

    Stiller (Donnerstag, 24 Februar 2022 08:01)

    1
    Nein, ich hone meine Fähigkeiten nicht.
    Ich übe sehr häufig, nur das wahrzunehmen, was tatsächlich ist. Das gehört in meiner Welt zum schwierigsten überhaupt. Aber ich trainiere meine Wahrnehmungsfähigkeiten nicht. Ich lasse sie nur sein.

    2
    Ich weiß, was die Menschen in vergleichbarer Situation fühlen, weil das alles in mir ist. Wenn ein Kind hinfällt und sich das Knie aufschlägt, dann weiß ich wie sich das anfühlt, weil ich selber diese Erfahrung gemacht habe.
    Wenn ein Mensch etwas erlebt oder fühlt, was ich nicht kenne, dann weiß ich nicht, was er fühlt und kann mich da auch nicht einfühlen.

    3
    Die Bilder, die ich sehe sind wie ein Dolmetscher. Du kannst es dir vielleicht so veranschaulichen:
    Wenn du dir in Google Maps Europa anschaust, siehst du eine beinahe unstrukturierte Landmasse. Wenn du dir aber in einem Atlas eine politische Karte von Europa anschaust, wo jedem Land eine andere Farbe zugeordnet ist, kannst du in dieser unstrukturierten Landmasse auf einmal all die Länder erkennen.

    4
    Ich denke, dass der Haupthinderungsgrund für ein "angenehmeres Miteinander zwischen allen" ist, dass Menschen dazu neigen, einander für das, was sie fühlen, verantwortlich zu machen. Nehmen wir zur Veranschaulichung das Beispiel eines beliebigen Potentaten:
    Der Staat XY hat das und das getan, deshalb bin ich gekränkt und habe deshalb jetzt das Recht, das und das zu tun.
    Real ist das nicht.
    Real ist:
    Menschen, die dem Staat XY zugeordnet sind, haben das und das getan, und das rührt bei mir uralte innere Verletzungen an. Ich fühle mich sehr gekränkt. Ich will mich rächen. Ich bringe dieses Gefühl dahin, wo es hingehört - zu denen, die mich damals so schlecht behandelt haben und immer noch in meinem Herzen wohnen.

  • #5

    NeoSilver (Freitag, 25 Februar 2022 16:07)

    [...]Ich übe sehr häufig, nur das wahrzunehmen, was tatsächlich ist. Das gehört in meiner Welt zum schwierigsten überhaupt.[...]

    Ich gebe dir recht, dass ist wahrhaftig sehr schwierig.

    Es ist wie ein circulus vitiosus.
    Die vergangenen und doch noch akuten Verletzungen, welche du in einem anderen Text beschreibst, erzeugen Gefühle in der Gegenwart, welche nicht mehr dort hingehören.
    Diese Gefühle erschweren die Wahrnehmung und lassen die Verletzung nie ausheilen.

    Hast du Tips für das Training?
    Oder führst du ein Ritual aus, damit du deine Gedanken freier bekommst um besser wahrnehmen zu können?
    Notierst du dir evtl. Situationen, in welchen die Wahrnehmung nicht das tatsächliche wiedergegeben hat und reflektierst es in Ruhe?

    Ich stelle mir das vermutlich zu mechanisch, als Ablauf und mit Strukturen vor.


    [...]Ich denke, dass der Haupthinderungsgrund für ein "angenehmeres Miteinander zwischen allen" ist, dass Menschen dazu neigen, einander für das, was sie fühlen, verantwortlich zu machen.[...]

    rhetorisch:
    "Werden diese Emotionen unser Untergang sein oder uns den Weg in eine gute Zukunft ebnen?"


  • #6

    Stiller (Donnerstag, 03 März 2022 08:20)

    Du schreibst:
    "Die vergangenen und doch noch akuten Verletzungen (...) erzeugen Gefühle in der Gegenwart, welche nicht mehr dort hingehören."
    Das könnte ich nicht besser in Worte fassen.

    Du schreibst:
    "Hast du Tips für das Training?"
    Nein, habe ich nicht. Ich bin da kompletter Autodidakt.

    Du schreibst:
    "Oder führst du ein Ritual aus, damit du deine Gedanken freier bekommst um besser wahrnehmen zu können?"
    In meiner Welt kommt es darauf an, wahrzunehmen und nicht zu denken.
    Sobald ich denke, nehme ich nicht mehr wahr.
    Den steten Strom der Gedanken auszuschalten und tatsächlich nur noch wahrzunehmen erfordert nach meiner Erfahrung viel Übung.

    Du schreibst:
    "Notierst du dir evtl. Situationen (...)"
    Nein.
    Die Situationen kommen, und die Situationen gehen.

    Du schreibst:
    "rhetorisch:
    "Werden diese Emotionen unser Untergang sein oder uns den Weg in eine gute Zukunft ebnen?""
    Bislang war seine Emotionalität eindeutig ein Überlebensvorteil für den Menschen. Ob das so bleibt, wird die Zeit zeigen.