Skizzen aus dem autistischen Leben

Zu den perfidesten Bestandteilen der schwarzen Pädagogik gehört es, Kindern und Erwachsenen ihre Gefühle auszureden. Sie sollen ihre Gefühle nicht mehr fühlen. Dahinter verbirgt sich die Annahme, dass Gefühle, die nicht mehr gefühlt werden, nicht mehr existieren. Dass sie einfach weg sind. Das ist so, wie wenn man den Müll in den Keller bringt. Der ist dann auch einfach weg (Ironie). Tatsache ist, dass nichts einfach verschwindet oder sich in nichts auflöst, wenn wir es aus unserem...
In der Sprache meiner Heimatstadt sind Tiere „Viehzeuchs“. Mein Verhältnis zum Viehzeuchs hat sich im Verlauf meines Lebens immer wieder sehr verändert. 1 Als ich ein Kleinkind war, lebten wir sehr einsam im Wald. Der nächste Nachbar wohnte mehrere hundert Meter entfernt. Deshalb hatten meine leiblichen Eltern einen Wachhund angeschafft - einen Schäferhund. Ich erinnere mich nur noch wenig an ihn. Am nachdrücklichsten ist meine Erinnerung an einen Spaziergang, auf dem mein leiblicher...
Skizzen aus dem autistischen Leben · 29. Dezember 2019
Ein AS; der mir viel bedeutet, berichtete mir neulich von einer Situation in seiner Gruppentherapie, die mir recht vertraut vorkam: Ein besonders neurotypischer Psychotherapeut macht Vorschläge und gibt Anweisungen, die alle auf dasselbe hinauslaufen: Wir kommen einander näher. Wir überwinden die Distanz, die zwischen uns ist. Der Psychotherapeut ordnet an: Wir schauen einander in die Augen Wir berühren einander Wir stellen uns in einem Kreis auf und der, der so ungern mit anderen in...
Skizzen aus dem autistischen Leben · 22. Dezember 2019
*** Bitte Vorsicht, in diesem Text geht es auch um Tod und Sterben. Er kann also triggernd sein. *** Beruflich hat es das letzte Quartal dieses Jahres wirklich in sich. Nach allem, was ich sehen kann, bin ich in dem riesigen Ressort, in dem ich arbeite, der einzige Ansprechpartner für seelische Nöte. Es mag andere geben in diesem Ressort, die in dieser Sache auch geeignet sind, aber ich kenne sie nicht. Ich weiß auch nicht, ob es im Gesamtkonzern überhaupt kompetente Ansprechpartner für...
Skizzen aus dem autistischen Leben · 01. Dezember 2019
Vor vielen Jahren sprach mich eine Therapeutin darauf an: „Du willst nicht gesehen werden. Wenn du vor einer Wand stehst, dann nimmst du sogar die Farbe der Wand an, bloß damit du nicht gesehen wirst.“ Das war natürlich übertrieben. Aber in dieser Situation wurde mir das mal wieder so richtig bewusst: Ich will nicht, dass man mich sehen kann. Ich will nicht, dass mich jemand sieht und Kontakt mit mir aufnimmt. Ganz oft wäre ich am liebsten unsichtbar für alle anderen.Ich würde mich...
Skizzen aus dem autistischen Leben · 16. November 2019
Vor geraumer Zeit sprach mich eine Autistin an, dass sich Asperger-Autisten im Internet bevorzugt als Opfer darstellen würden. Sie beschrieb mir, dass auf Facebook und in Internetforen in der Kommunikation zwischen Asperger-Autisten vor allem Thema sei, was sie alles nicht können, womit sie Schwierigkeiten haben und worunter sie leiden. Ich kann das nicht beurteilen. Ich war erst zweimal Mitglied in AS-Foren. Beide Male musste ich schon nach kurzer Zeit feststellen, dass ich dort nicht...
Skizzen aus dem autistischen Leben · 09. November 2019
*** gullible (Adj.) – leichtgläubig *** Neulich hatte ich wieder mal das Privileg, einen Asperger-Autisten coachen zu dürfen, der bei uns im Konzern sehr erfolgreich ist. Genauso wie ich gibt er sich öffentlich nicht als Autist zu erkennen. Genauso wie ich ist er im Vertrieb tätig. Keine Ahnung, was Autisten ausgerechnet in den Vertrieb treibt, aber die wenigen AS, die ich im Vertrieb bislang kennengelernt habe, machen ihre Sache ausgesprochen gut. In diesem Gespräch wurde mir mal wieder...
Skizzen aus dem autistischen Leben · 02. November 2019
Seit einiger Zeit erlebe ich das häufiger: Asperger-Autistinnen, die eine offizielle und kompetente Diagnose bekommen haben, äußern im Gespräch mit mir Zweifel daran, ob sie überhaupt AS sind. Sehr merkwürdig. 1.) Die Diagnose ist offiziell. 2.) Die Diagnose ist von erfahrenen und kompetenten Menschen in einem langwierigen Prozess erstellt worden. 3.) So ziemlich alles im Alltagsverhalten dieser Frauen weist darauf hin, dass sie Autistinnen sind. Aber sie haben Zweifel. „Vielleicht bin...
Verglichen mit anderen Menschen habe ich extrem lichtempfindliche Augen. Selbst in der Dämmerung oder bei leichtem Regen muss ich eine Sonnenbrille tragen, weil mir sonst die Augen weh tun. Diese Brille nehme ich mit, wohin immer ich auch gehe. – Eine Sonnenbrille der Kategorie 4: „Gletscherbrille“. Solche Augen zu haben, bringt eine Menge Vorteile. Mir fällt immer wieder auf, wie andere Menschen geradezu blind durch die Nacht tapsen, während ich keinerlei Probleme habe, mich auch bei...
Ich habe den Eindruck, dass das auch sowas Autistisches ist: Ich entscheide sehr schnell und sehr sicher – und wenn es nötig ist, entscheide ich mit einer kristallinen Härte, die andere erschauern und erschrecken lässt. Dazu habe ich schon oft Rückmeldung bekommen: „Herr Stiller, Sie sind manchmal so hart. – Da erschrecke ich fast vor Ihnen.“ Ich habe kaum Furcht vor wirklich schwerwiegenden und unangenehmen Entscheidungen. Und in aller Regel fälle ich sie sehr, sehr schnell. In...

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