Wenn du willst 01

1

Mein leiblicher Vater war in der Nazidiktatur groß geworden und hatte die Werte dieser Zeit total verinnerlicht. So wie für die Nazis der Wille eine quasireligiöse Bedeutung gehabt hatte, so glaubte auch mein Vater, dass der Wille jedes Problem meistern könne. Er war der festen Überzeugung, dass man sich mit Hilfe des Willens über jedes Naturgesetz hinwegsetzen könne.

 

„Du musst nur wollen!“ hielt er uns Kindern immer wieder vor, wenn er uns das Leben zur Hölle machte. Mit bloßem Willen sollten wir die fürchterlichen Schmerzen überwinden, die uns unsere leiblichen Eltern zufügten, mit bloßem Willen sollten wir im Vorschulalter dicke Bücher auswendig lernen, mit bloßem Willen sollten wir uns über so ziemlich alles hinwegsetzen, was unsere Natur war. Wir hungerten, wir froren, wir wurden jeden Tag verprügelt, wir waren intensiver und systematischer seelischer Grausamkeit ausgesetzt – jeden Tag. Uns ging es wirklich schlecht.

 

„Du musst nur wollen.“

 

Mein leiblicher Vater ist seelisch nie älter als fünf Jahre geworden. Spätestens seit seinem 30. Lebensjahr war er schwer tablettenabhängig. Er war ein menschliches Wrack. Heute habe ich bei meiner Arbeit sehr oft mit Abhängigen zu tun. Manche sind drogensüchtig, manche sind arbeitssüchtig, manche sind erfolgssüchtig, wieder andere sind machtsüchtig. Sucht und Abhängigkeit haben sehr viele Gesichter, aber das psychische Grundmuster ist immer dasselbe. Ich habe gelernt, dass jeder, der von etwas abhängig ist, mit seiner Sucht aufhören kann, wann immer er will. Ich habe aber auch gelernt, dass er nicht mehr wollen kann. Wer abhängig ist, der will nicht, der wird gewollt.

 

2

Als ich 16 Jahre alt war, begann ich nach innen zu schauen. Mein Leben war ruiniert. Erwachsene, mit denen ich mich besprach, machten mir deutlich, dass es für mich keine Aussicht auf Besserung gebe. Jemand mit meiner Vergangenheit könne nicht seelisch gesund werden. Das hätte es in vergleichbaren Fällen noch nie gegeben. Ich müsste mich mit meinem ganzen Elend einrichten und irgendwie versuchen zu überleben.

Ich hörte mir das an. Ich fühlte mich überhaupt nicht gut. Und dann dachte ich ganz lange nach.

„Gut“, beschloss ich dann. „Wenn es vor mir noch niemand geschafft hat, dann bin ich eben der erste. Es gibt für so ziemlich alles irgendeinen ersten, der es zum ersten Mal tut.“

Ich hörte auf, mit Erwachsenen über meine Situation zu reden und hängte mir in meinem Zimmer zwei große Zettel an die Wand. Auf dem einen stand:

„Trotzdem“

Auf dem anderen stand:

„Irgendwie“

Diese beiden Worte begleiten mich bis heute.

 

3

Ich stand vor dem Aufzug in der Konzernzentrale und regte mich fürchterlich auf:

„Wie lange muss ich mir so einen Mist eigentlich noch anhören?!“

 

Was war passiert?

 

Der neue Vorstand hatte sich gerade vorgestellt. Er hatte dazu in den größten Besprechungsraum gebeten – da passten mehr als zweihundert Leute rein. Das ganze Ressort war gekommen. Und dann hatte er losgelegt – wortgewaltig und mit sorgfältig einstudierten Gesten. Er hatte von sich erzählt und davon, wie er das Unternehmen voran bringen wollte. Und er hatte immer wieder betont, wie wichtig es war, etwas zu wollen. Speziell ein Satz hatte es ihm angetan. Er versuchte, uns diesen Satz einzuhämmern:

„Wir können alles erreichen, wenn wir nur wollen!“

Als er das zum ersten Mal sagte, beugte ich mich zu meinem Kollegen links von mir und flüsterte:

„Dann lass uns doch die Schwerkraft aufheben und das gesamte Transportwesen revolutionieren. Dann werden wir alle reich und entlasten auch noch die Umwelt. Wir müssen nur wollen.“

 

Ich dachte, dass damit die Sache ausgestanden sei. Aber nein: Es kam wieder und immer wieder von vorne – im Stil einer Erweckungspredigt:

„Wir können alles erreichen, wenn wir nur wollen!“

 

Ich hatte als Kind meinen leiblichen Vater erlebt. Ich hatte im Berufsleben zig Unternehmensberater erlebt, die ihre frühkindlichen Allmachtsfantasien nie überwunden hatten und daherschwadronierten, was der Wille angeblich alles konnte. Ich hatte zigmal erlebet, wie Extremsportler, Gipfelstürmer und Leistungsträger aus längst vergangenen Tagen als Zeugen bemüht wurden, um zu beweisen, dass dem, der wollte, alles möglich war – der reine Stuss.

 

Und jetzt stand ich eben vor diesem Aufzug und gab das Rumpelstilzchen:

„Wie lange muss ich mir so einen Mist eigentlich noch anhören?! Das sind alles Kinder. Verwahrloste Kinder in Businessanzügen. Wie lange muss ich mir von denen ihre Allmachtsfantasien vorschwafeln lassen, damit ich glauben soll, dass die Naturgesetze nicht gelten und Logik sowieso nur Scheiße ist?! Da kann ich auch in die USA gehen und mich von irgend so einem Fernsehprediger vollsülzen lassen, dass dem Herrn nichts unmöglich ist!“

Ein älterer Kollege stand vor mir und schaute mich freundlich an:

„Wie alt sind Sie jetzt, Herr Stiller?“

„36. Wieso?“

„Na, dann denke ich mal, dass Sie sich das noch 29 Jahre anhören müssen.“

 

4

Ich leitete im Norden Deutschlands einen Workshop, in dem sich unsere besten regionalen Verkäufer über eine neue Strategie einig werden wollten. Ich verstand etwas vom Verkauf, ich verstand etwas von Strategien, ich hatte Erfahrung als Moderator. So gesehen war ich der richtige Mann am richtigen Ort. Aber dennoch …

 

Wir hatten um 10:00 angefangen. Um 12:00 brachte ich die Veranstaltung zum Stehen:

„Wenn ihr so weiter macht, dann reise ich ab. Für sowas ist mir meine Zeit zu schade.“

„Wie meinst du das?“

„So wie ich das sage. Ihr unterhaltet euch hier seit zwei Stunden darüber, was alles nicht geht und wie schwierig das alles ist. Ich habe einige Male versucht, das in konstruktive Bahnen zu lenken, aber es ist mir nicht gelungen. Ich schlage vor, dass wir hier noch gemeinsam Mittag essen und dass ihr dann ohne mich weiter macht. Dann könnt ihr euch noch den ganzen restlichen Tag und morgen bis 16:00 gegenseitig erzählen, was alles nicht geht. Dafür braucht ihr keinen Moderator.“

„Aber das ist schwierig hier!“

„Das weiß ich selber. Ich war ja mit einigen von euch draußen beim Kunden.“

Dann kam wieder eine Riesenlitanei darüber, welche Produkte von uns unverkäuflich waren. Jeder der Anwesenden konnte mit zahlreichen Erfahrungen aufwarten, die eindrucksvoll belegten, dass es keine Chance gab, diese Produkte in angemessener Stückzahl zu verkaufen. Ich hörte mir das eine Weile an.

„Leute“, sagte ich dann. „Das glaube ich euch alles. Ich bin ja kein Idiot. Ich weiß, dass ihr gute und erfahrene Verkäufer seid und dass das Geschäft hier oben sehr schwierig ist. Aber darüber will ich mich mit euch nicht unterhalten. Dafür ist mir meine Zeit zu schade.“

„Aber wir können doch nicht …“

„Leute! Lasst uns ein klar stellen: Mich interessiert nicht, was nicht geht. Mich interessiert nur, was geht.“

„Aber …“

„Leute! Ich will wissen, was geht. Was nicht geht, interessiert mich nicht! Irgendwas geht immer. Wir haben immer irgendwelche Möglichkeiten. Nur wenn wir gerade im Hochhaus aus dem 10. Stock gesprungen sind, sind unsere Möglichkeiten ernsthaft beschränkt. Aber bis dahin geht immer irgendwas. Irgendwas geht immer! Und wenn es nicht so geht, dann geht es eben anders! Ich lade euch ein, mit mir zusammen darüber nachzudenken. Aber ich werde sicher nicht den ganzen Tag damit verbringen, mir anzuhören, was alles nicht geht. Das führt zu nichts.“

 

 

5

Wie man aus diesen Episoden sehen kann, bin ich sehr oft eingebunden in Dinge, die mit dem Willen zu tun haben. Das eine Extrem sind die, die sich vorgaukeln, dass sie allmächtig sind. Das andere Extrem sind die, die sich vorgaukeln, dass sie ohnmächtig sind. Die meisten Menschen, denen ich begegne, bewegen sich irgendwo dazwischen.

 

Ich begegne in meinem Arbeitsalltag ziemlich vielen Menschen, die sich als „willensstark“ bezeichnen. Ich habe keine Ahnung, was Willensstärke ist und wie man diese Stärke messen könnte. Ich erlebe die Menschen, die sich mir als „willensstark“ präsentieren meistens als ziemlich energiegeladen und zäh. Gleichzeitig erlebe ich aber fast immer, dass diese Menschen nicht ihren Willen wollen, sondern den von jemand anderem. Ich erlebe bei ihnen fast immer das, was die Transaktionsanalyse „Antreiberverhalten“ oder „skriptgebundenes Verhalten“ nennt. Sie jagen Zielen nach, die nicht ihre sind und die ihnen nicht gut tun. Wenn sie so ein Ziel tatsächlich mal erreichen, dann fallen sie seelisch in ein ganz tiefes Loch, weil sie auf einmal begreifen, dass sie die ganze Zeit einem Trugbild nachgejagt haben.

 

Um das nicht fühlen zu müssen, setzen sie sich dann direkt das nächste hohe Ziel. Ich habe in meinem Beruf mit ziemlich vielen „erfolgreichen“ Menschen zu tun, die von Ziel zu Ziel und von Sieg zu Sieg jagen.

 

Aber das ist nicht Wollen. Das ist gewollt werden. Diese Menschen leben nicht ihr Leben, sondern werden gelebt. Das ist jedenfalls das, was ich dabei sehen kann. Deshalb sage ich solchen Menschen, wenn sie bei mir Rat suchen immer wieder:

„Wenn du willst …“

Beinahe nie werde ich verstanden. Aber das ist mir ziemlich egal.

„Wenn du willst …“

„Aber ich will ja!“

„Nein, du willst nicht.“

„Doch!“

„Dann ist ja alles in Ordnung.“

 

Ich frage die Menschen nach ihren Zielen. Ich erlebe sie bei der Antwort beinahe immer als hilflos und verloren:

„Was willst du in deinem Leben erreichen?“

„Ich will Karriere machen.“

„Und aus welchem Grund willst du das?“

Die Antworten sind meistens ziemlich dürftig.

 

Dann gibt es die, die tun, wozu sie gerade Lust haben und ihre Verwahrlosung mit „Willen“ oder „Freiheit“ verwechseln.

„Ich lasse mir nichts vorschreiben!“ sagen sie mir.

„Was lässt du dir nicht vorschreiben?“ will ich dann immer wissen.

„Wie ich zu leben habe! Was ich tun soll und was ich nicht tun soll. Das will ich selbst entscheiden.“

„Und aus welchem Grund willst du das?“

„Ich will frei sein!“

„Aha. Freiheit ist immer ein ‚frei von‘ bzw. ein ‚frei für‘. Wovon willst du frei sein? Und wenn du frei bist, was willst du mit dieser Freiheit anfangen?“

„Ich will frei von all diesen Vorschriften sein! Und ich will leben so wie ich das will.“

„Ja, das sagtest du bereits.“

„Ich will nicht so leben wie die anderen!“

„Das glaube ich dir. Wie willst du denn leben?“

Und so weiter.

 

In meiner Welt ist es so:

Wenn du frei werden willst, dann musst du deinen unbewussten Lebensplan bewusst machen und überprüfen, was davon du behalten und was davon du verändern willst. Eine andere Möglichkeit gibt es nicht. Alles andere ist Illusion. Wenn du deinen unbewussten Lebensplan nicht bewusst machst, dann bestimmt dieser Plan dein Leben und nicht du. Allein diesen Plan bewusst zu machen, dauert viele Jahre. Die Entwicklung eines neuen Plans dauert mindestens ebenso lange. Und die Umsetzung dessen, was du da beschließt dauert nach meiner Erfahrung ein ganzes Leben. Aber das ist dann immerhin dein Wille und dein Leben und nicht der Wille oder das Leben eines anderen. Dann willst du und wirst nicht mehr gewollt.

 

Wenn Menschen mir erzählen, dass sie frei sind oder mit sich im Reinen oder dass sie Lebensziele und einen Willen haben, mir aber gleichzeitig mit so ziemlich allem, was sie sagen und tun, signalisieren, dass ihr unbewusster Lebensplan sie steuert, dann zucke ich nur mit den Achseln. Ich erlebe deutlich über 99% der Menschen, die mir begegnen, so: Ferngesteuert und androidenhaft. Voller Energie und Tatkraft aber willenlos.

 

Ich sage:

Du kannst eine ganze Menge in deinem Leben erreichen. Selbst viele von den Dingen, die anfangs unmöglich schienen. Du kannst sogar in einem gewissen Maße frei werden.

 

Wenn du willst.

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